Der kleine Mann im Gehirn

Der kleine Mann im Gehirn, Homunkulus genannt, spielte im Denken über die Beziehung zwischen Körper und Geist weiterhin eine Rolle, nur wandelte sich diese Metapher mit der Zeit und passte sich dem technischen Fortschritt an. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war der Homunkulus meist eine Art Telefonfräulein im Schaltraum des Gehirns, wobei die Geschehnisse der Aussenwelt wie in einem Kino projiziert wurden, zum Beispiel in Fritz Kahns Das Leben des Menschen: eine volkstümliche Anatomie, Biologie, Physiologie und Entwicklungsgeschichte des Menschen. (...) Da konnte man – durch ein Fenster an der Stirn – einen Blick in das Gehirn eines Menschenmodells werfen. Innen sah man eine Art Cockpit mit lauter Instrumenten und Kontrollleuchten und zwei leere Sessel, vermutlich für die beiden Gehirnhemisphäre als Piloten und Copiloten. Den Geist in der Maschine musste man sich in diesem Fall eher denken, aber jedenfalls kommt man mit dieser Darstellung zu keiner echten Erklärung, denn die kleinen Männer im Gehirn müssten ja selbst wieder kleine Männer im Gehirn haben – und immer so weiter.

»Eine menschliche Samenzelle, die einen Homunkulus enthält, Anfang des achtzehnten Jahrhunderts von einem Wissenschafter nachgezeichnet, der ihn so unter dem Mikrosop gesehen haben wollte (nach Cole).«

 

Dogmen, Glaubenssätze und die Freiheit des Forschens

In seinem wegweisenden Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen zeigte der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn auf, dass sich die meisten Wissenschaftler in Zeiten 'normaler' Wissenschaft zu einem gemeinsamen Wirklichkeitsmodell bekennen, das er 'Paradigma' nannte und das auch bestimmt, wie Fragen zu stellen sind. Das jeweils herrschende Paradigma gibt also vor, was für Fragen erlaubt und wie sie zu beantworten sind. Normale Wissenschaft spielt sich in diesem Rahmen ab, und was sich hier nicht einfügt, wird in der Regel wegerklärt. Natürlich sammeln sich dann Anomalien an, und schliesslich wird ein Krisenpunkt erreicht. Zu revolutionären Veränderungen kommt es, wenn die Forscher den Rahmen ihres Denkens und ihrer Praxis so ausweiten, dass er auch die Fakten integrieren kann, die bis dahin als Anomalien unberücksichtigt blieben. Irgendwann wird dann auch das neue Paradigma die Basis für eine neue Phase der normalen Wissenschaft.

Quotes aus "Rupert Sheldrake, Der Wissenschafts-Wahn".